Thalassophobie | Deutsches Creepypasta Wiki



Wisst ihr, was eine Phobie ist? Genau, eine massive Angststörung. Manche haben Arachnophobie, also Angst vor Spinnen. Andere haben Aquaphobie, also Angst vor Wasser. Wieder andere leiden an Akrophobie, der berüchtigten Höhenangst. Ich hatte nichts davon! Nein, meine Phobie ist weitaus weniger bekannt und hat mit Wasser zu tun. Es ist keine Aquaphobie, denn dann hätte ich generell Angst vor Wasser gehabt. Ich hatte Thalassophobie! Das bedeutet, ich hatte Angst vor dem offenen Meer! Viele lieben das Meer und strahlen regelrecht beim Tauchen und beim Planschen in Strandesnähe, doch mir ging es vollkommen anders! Schon beim Anblick in die weite blaue Ferne jagte es mir einen Schauer durch den Körper! Eine unbekannte Welt voller Gefahren und Geheimnisse! Stellt euch mal folgendes vor: Ihr befindet euch ganz mutterseelenallein mitten auf dem offenen Ozean! Um euch herum, egal wohin das Auge blickt, überall nur Luft und Wasser! Die nächste Insel ist 500 Kilometer entfernt! Der Grund liegt unglaubliche acht bis zehn Kilometer unter der Wasseroberfläche! Unter der Oberfläche ist nichts außer tiefes Blau, außer man taucht so tief, dass es sich in Dunkelblau und schließlich in völlige Dunkelheit, die ewige Nacht der Tiefsee, verwandelt! So was hab ich durchgemacht! Ich litt schon sehr lange an Thalassophobie! Schon scheinbare Kleinigkeiten wie ein Video von einem Wal unter der Wasseroberfläche oder ein Foto vom Wrack der Titanic lösten bei mir massives Unbehagen aus oder sogar pure Panik! Doch wenn ich diese Phobie hatte, wie bin ich dann raus aufs Meer gelangt, wenn ich mich doch normalerweise vom Meer ferngehalten habe? Es begann vor einigen Tagen. Ein Freund hatte mich zu einer Kreuzfahrt eingeladen. Es sollte mit dem Schiff „Spirit of the Ocean“ von der Nordsee aus in die Karibik gehen. Ich konnte ihm einfach keinen Wunsch abschlagen und dachte mir, wenn ich mich nur im Innern des Schiffes aufhalte, würde es schon nicht so schlimm werden, da ich das Meer ja dann kaum sehen würde. Eines Tages, als das Schiff mitten auf dem offenen Atlantik war, geriet ich in einen Streit mit einem anderen Kerl, der offensichtlich besoffen war. Es ging darum, dass ich seine Frau nach der Uhrzeit gefragt hatte und er, total eifersüchtig, dachte, ich wolle sie anbaggern. Der Streit war eskaliert und wir hatten uns geprügelt. Der Kerl hatte mich gepackt, raus aufs Deck gezogen und dort über die Reling geworfen. Offensichtlich war er durch den vielen Alkohol nicht Herr seiner Sinne. Ich stürzte ins Meer! Voller Panik tauchte ich auf und schrie um Hilfe, aber niemand hörte mich! Eine Zeit lang schwamm ich neben dem Schiff her, doch es ließ mich schließlich zurück. Ich war relativ erschöpft und das Schiff fuhr immer weiter weg! Ein immer kleiner und kleiner werdender Punkt in der endlosen blauen Weite! Aus purer Verzweiflung schrie ich so laut es mir meine Stimmbänder erlaubten nach Hilfe aber es war eigentlich zwecklos! Niemand hörte mich! Meine Rufe schallten durch Luft und Wasser und verstummten schließlich! Und diese unerträgliche Angst, die ich hatte! Für einen Thalassophobiker war das die alptraumhafteste Situation, die er sich vorstellen konnte! Allein! Auf dem offenen Meer! Ganz allein! Wenn ich mir vorstellte, was da unter mir, verborgen im Blau der Tiefe, alles lauern und plötzlich von unten hochkommen konnte! Jeden Moment konnte ein Hai kommen und mich zerfetzen! Ich wusste, dass Haie auf Bewegungen im Wasser reagieren und deshalb, versuchte ich, mich so wenig zu bewegen wie möglich, doch da ich keine Schwimmweste hatte, war dies leichter gesagt als getan! Von daher bewegte ich mich nur sehr langsam, damit ich nicht absoff. Oder was, wenn ein Wal kommen würde? Bartenwale können einen Menschen nicht verschlucken, weil der Schlund zu eng ist, aber er kann ins Maul eines dieser Meeresgiganten gesogen werden und diese Vorstellung war für mich wie die einer Vogelspinne seitens eines Arachnophobikers! All diese schrecklichen Gedanken machten mein Gehirn unsicher, während ich mich, wie ich es jetzt mal ausdrücke, in dieser blauen Hölle befand! Oder mal angenommen, es tauchte ein U-Boot urplötzlich unter Wasser aus dem Nichts auf! Diese Gedanken trieben mir die Tränen in die Augen! Das offene Meer ist die Marine Version der Wüste an Land, Tiere gibt es dort nur wenige! Und die einzigen Pflanzen sind mikroskopisch kleines Phytoplankton und hier und da mal etwas Treibgut. Ich sah mich verzweifelt um! Ich wusste, wo ich mich befand, aber es konnte einfach nicht sein! Überall nicht ein kleines Fleckchen Land! Überall nur zwei Dinge: Um mich herum das Wasser und über mir der Himmel! Ich war so hilflos und in einer absolut ausweglosen Situation! Gefunden hätte mich sehr wahrscheinlich niemand, selbst wenn man nach mir gesucht hätte, da es die sprichwörtliche Suche nach der Nadel im Heuhaufen gewesen wäre! In einem unfassbar gigantischen Heuhaufen! Und bald auch quälten mich Durst und Hunger! Trinkwasser war ein Problem, denn das Salz im Meerwasser hätte meinem Körper auf Dauer Flüssigkeit entzogen und ich wäre also trotz des Wassers verdurstet! Und der Hunger war genau so problematisch, denn auf offener See gibt es wenig tierisches Leben und das ist auch noch ungleichmäßig verteilt! Ich wusste, wenn nicht bald rein zufällig ein Schiff auftauchen würde, würde ich sterben! Und dann diese brutale Angst! Das Adrenalin durchflutete meinen kompletten Körper wie das Wasser eine Badewanne! Das Meer war der Feind, der meine Angst auslöste und es bestand keine Chance, ihm zu entkommen! Nein! Ich war ihm vollkommen schutzlos ausgeliefert! Ich war meinem Feind preisgegeben! Die Angst kann ich selbst jetzt, wo ich euch dieses Geschichte erzähle, kaum beschreiben! Sie war so massiv, dass jeder noch so brutale Horrorfilm dagegen eine Gute-Nacht-Geschichte für vierjährige war! Während die Stunden dahinzogen, wurde ich mir immer mehr bewusst, dass meine Überlebenschancen eigentlich gegen Null tendierten! Es sei denn, ein großer Zufall, das Auftauchen eines Schiffes, würde eintreffen und so mein Leben retten! Aber ich musste zwar hoffen, aber auch realistisch bleiben. Hinzu kam, dass meine Kräfte zu schwinden begannen, weil ich seit nunmehr acht Stunden mich an der Wasseroberfläche hielt! Der Abend kam und der Himmel bekam ein bedrohlich wirkendes Gold, bevor dieses sich verdunkelte und es mit der Zeit tiefschwarze Nacht wurde! Sterne sah ich keine, da riesige Gewitterwolken den Nachthimmel durchwucherten. Bald knallten die ersten Blitze über den Himmel und ein enorm starker Regenschauer rauschte vom Himmel hinab. Ein Unwetter verwandelte die See in eine noch schlimmere Hölle! Durch den Wind verursachte Wellen jagten über das Meer und erfassten auch mich, sodass ich mich nur mit enormer Kraftanstrengung über Wasser halten konnte! Doch dieser Kampf gegen die Naturgewalten war aussichtslos, denn die Wellen wurden immer größer! Schließlich bildeten sich die berüchtigten Monsterwellen, die über 30 Meter hoch werden können! Meine Angst erreichte nun einen enormen Höhepunkt, sie lähmte mich komplett! Als eines dieser Ungeheuer über mich hereinbrach, wurde ich unter die Wasseroberfläche gerissen! Alle Luft wurde mit roher Gewalt aus meinen Lungen gehauen und durch den starken Seegang war es nur schwer, die Oberfläche zu erreichen, da diese sich durch die riesigen Wellen permanent verformte! Ich schaffte es zwei, dreimal, doch immer wieder wurde ich in die Tiefe geschmettert! Schließlich verließen sämtliche Kräfte meinen Körper! Ich konnte die Luft nicht mehr anhalten! Und so begann mein Körper automatisch, das Wasser einzuatmen! Das Meerwasser durchdrang meinen Mund und flutete meine Lungen! Ich war dabei, zu ertrinken und von diesem Augenblick an war es vorbei! Meine Bewegungen verebbten und ich entfernte mich immer weiter von der Wasseroberfläche! Ich hörte im letzten Moment noch den sehr weit entfernten Laut eines Wals, bevor alles schwarz wurde! Und mein Körper sank hinab in die Tiefe! Von der zeitlich begrenzten Nacht hinab in die ewige Nacht! Ganz allein! Ganz allein in die ewige Finsternis!

Nun bin ich hier im Jenseits und bedaure, dass ich auf die schrecklichste Art gestorben bin, die ich mir vorstellen kann! Ich hatte einen absolut grauenhaften Tod!


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